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Marianne Weil

alias Krista Greffrath-Lieck

1947 in Darmstadt geboren

studierte Literaturwissenschaft

promovierte 1977 über Walter Benjamin

Lebt in Berlin. Schreibt seit 1980 unter dem Namen Marianne Weil über Literatur, Kabarett und kulturhistorische Themen. Produziert als Autorin und Regisseurin O-Ton-Hörspiele und Radio-Features über Menschen, Tiere und Pflanzen.

 

Wer Geschichten entdecken will, die in der Systematik eines Archivs gefangen liegen, muss rabiat vorgehen. Er muss, etwas pathetisch formuliert, die Töne aus ihrem Zusammenhang befreien, isolieren und für eine neue Rolle in einem neuen Kontext präparieren. Die Montage, beziehungsweise das montierende Subjekt, inszeniert neue Bezüge, lässt Stimmen aufeinandertreffen, die nie miteinander gesprochen haben, verzerrt, verstärkt, enthüllt, stellt aus, stellt klar, unterschlägt, kombiniert, konfrontiert, variiert und lässt auf diese Weise hören, was so nie gesagt wurde. Eine solche Montage ist ein kreativer Spaß, eine Gehirnwäsche des Gedächtnisses mit überraschenden und erschreckenden Effekten

 

 

 

Gedruckte Werke (Auswahl):

 

Metaphorischer Materialismus. Zum Geschichtsbegriff bei Walter Benjamin,

Verlag Wilhelm Fink, München 1981

Dissertation von Krista R. Greffrath

 

Wehrwolf und Biene Maja, Marianne Weil (Hrsg.), Verlag Ästhetik und Kommunikation, Berlin 1986, (entstanden aus einer Sendereihe bei sfb 3: "Aus dem deutschen Bücherschrank").

 

 

Radiosendungen (Auswahl):

 

DEM ...EUTSCHEN ...OLKE

oder So klang der Kalte Krieg

Hörspiel, Saarländischer Rundfunk/Sender Freies Berlin 1995

 

Das Hörspiel mit dem kaputten Titel – es ist die zerschossene Inschrift des Berliner Reichstags -  handelt von einem kaputten Land, dessen Teile nach einem gemeinsam verlorenen Krieg neue Rollen auf der politischen Weltbühne einüben. Gespielt wird der "Kalte Krieg". Die Intendanten sitzen in Moskau und Washington, aber Aktivisten und Statisten gibt es genug vor Ort. Die in der Montage reden, haben nie miteinander gesprochen. Weder Ernst Reuter und Otto Grotewohl noch Walter Ulbricht und Konrad Adenauer saßen je an einem Tisch. Sie und die andern werden mit der Gewalt des Schnitts in einen Wortwechsel gezwungen, um den die einen stets gebettelt und den die andern stets verweigert haben. Das Stück inszeniert so ein deutsch-deutsches Gespräch mit schmerzhaft vertrauten, exotisch bizarren, mit komischen und schließlich mit großen falschen Tönen auf beiden Seiten. Es ist eine Art Anhörung sehr entfernter, sehr verfeindeter Vergangenheiten, die sich nicht wiedervereinigen lassen.

Das Stück wurde mit dem Hörspielpreis der Akademie der Künste "Lautsprecher" ausgezeichnet. Als CD erschienen im Hörverlag.


Das Verhör des Lukullus.

Eine kameradschaftliche Diskussion mit dem Zentralkomitee

Feature, Sender Freies Berlin 1998

 

Als am 17. März 1951 in der Deutschen Staatsoper Berlin die Uraufführung der Lukullus-Oper von Bertolt Brecht und Paul Dessau stattfand, wurde sie mit spontanem Szenenapplaus bedacht, und als am Ende der Chor "ins Nichts mit ihm" sang, brach das Publikum in tosenden Beifall aus und trampelte mit den Füßen. Ulbricht verließ zornig die Loge, denn eigentlich hatten die FDJler laut pfeifen und durch Buhrufe ihr "volkstümliches" Missfallen ausdrücken sollen. Eine Dokumentation der Ereignisse mit Zeitzeugen und Experten und dem Original-Mitschnitt vom 17.3.1951.

 

Überall Deutschland.

Kleine kabarettistische Orgie zum Tag der deutschen (Gem)einheit.

Vier-Stunden-Sendung am 3. Oktober 1998

 

Wir wollen keine Gemeinheit auslassen. Alle sollen über alles lachen, nichts soll uns heilig sein. So wollen wir den Tag der deutschen Gemeinheit begehen. Vielleicht hilft uns das ein bisschen weiter. Wir erlauben uns einen prismatisch gebrochenen Rückblick auf die Jahrzehnte des gespaltenen Deutschlands von den kalten Fünfzigern durch die Wende durch bis auf heute. Zu Gast: die Distel, die Insulaner, die Stachelschweine, die Pfeffermühle, der Scheibenwischer, die Herkuleskeule und viele sogenannte Kleinkünstler und Liedermacher aus Ost + West.

 

Das Märchen von der Wiedervereinigung.

Erzählt von Konrad Adenauer und Elke Heidenreich

Hörspiel, Deutschlandradio Berlin/Radio Bremen 1999

 

Der aus den zahllosen Reden Konrad Adenauers rekonstruierte Urtext seiner Vision von der Wiedervereinigung:

absolut authentisch und absolut phantastisch.

Als CD erschienen im Audio Verlag

 

Ein sichtbares Zeichen der Trauer

oder Deutschlands größtes Feigenblatt

Die Debatte über ein Holocaust-Denkmal in Berlin

Feature, Sender Freies Berlin 2000

 

Es war eine lange, schwierige, manchmal mehr fachsimpelnde, manchmal mehr emotionale oder gar verletzende Debatte. Fast alles war kontrovers, fast zu jedem Zeitpunkt. Wo, wie, wie groß, vom wem, für wen sollte ein solches Denkmal gebaut werden. Oder auf keinen Fall gebaut werden. Zu hören sind: Lea Rosh, Eberhard Diepgen, Eberhard Jäckel, Ignatz Bubis, Peter Conradi, Reinhard Rürup, Jochen Gerz, Gesine Weinmiller, Martin Walser, Peter Eisenman und viele, viele andere.

Die Produktion ist heute Teil der Ausstellung unter dem Berliner Stelenfeld.


Judith in London

Feature, Rundfunk Berlin Brandenburg 2003

 

In der 11. Klasse geht Judith in ein britisches Internat. Dann geht es los mit der organisierten Zeit, den vielen Regeln, der Uniform. Anmelden, abmelden, Status-Listen. Judith akzeptiert plötzlich begeistert Dinge, gegen die sie in ihrer deutschen Schule auf die Barrikaden gegangen wäre. Ich höre es mir schaudernd an und besuche sie. Lasse mir alles zeigen, erlebe einige Rituale und darf mit dem Mikrofon in den Unterricht. Langsam begreife ich einige fundamentale Unterschiede im deutschen und englischen Schulsystem. Vielleicht sind die Engländer alle Schauspieler!


Der Hund war nicht geplant

Hörspiel, Deutschlandradio Kultur 2006

 

Politkrimi nach einem realen Fall aus dem Jahr 1955. Ein schwarzes Auto schleicht in der Dunkelheit am Rand des Trottoirs entlang. Es hält. Wartet. Drinnen sitzen finstere Gestalten mit ebenso finsteren Absichten. Sie wollen Lisa Stein in den Ostsektor Berlins entführen. Denn sie ist Mitarbeiterin des RIAS und steht schon lange auf der schwarzen Liste der DDR-Staatssicherheit.

 

Ratten

Feature, Rundfunk Berlin Brandenburg 2007


Ratten sind intelligent, fies, putzig, hässlich, süß, aggressiv, kuschelig  -  je nachdem. Rattenfans basteln Kletterburgen. Alte Männer gießen kochendes Wasser in die Rattenhöhle. Jeder erzählt Geschichten. Kaum jemand sagt: Ratten sind mir egal. Eine Recherche im Raum zwischen Vorurteil und Realität bei Rattenfans, Kammerjägern, Kanalarbeitern, Kleingärtnern, Verhaltensforschern und einer nur statistisch nicht relevanten Zahl von Zeitgenossen. Tendenz wechselnd.

 

Kalter Krieg im Radio

Feature, Rundfunk Berlin Brandenburg 2007

 

Im Kalten Krieg beschossen sich die Gegner vor allem mit Worten. Im Kampf um die ideologische Lufthoheit war Berlin nicht nur Objekt des Kalten Krieges, sondern auch eine der großen Bühnen. Hier wurde vom Brotpreis bis zur Anzahl der Wurstsorten einfach alles politisch aufgeladen und ausgeschlachtet. Eine Montage von Tonsplittern aus den Radio-Archiven der Stadt mit den prägnantesten Stimmen, den großen Ereignissen, mit Kabarett und Musik aus den Jahren 1945-1989, kommentiert von Egon Bahr, Wolfgang Kohlhaase und anderen Zeugen der Zeit.

 

Wilde Tiere in Berlin

Hörspiel, Deutschlandradio Kultur 2009

 

Gräben, Grenzen, Gitter, Sperren, Balken, Mauern, Posten, Wächter, Kontrollen regulierten die Freiheit in der geteilten doppelten deutschen Hauptstadt. Doch es gab ein Paradies für wilde Tiere im Tierpark Friedrichsfelde. Leben im Freigehege. Nur der Wassergraben musste akzeptiert werden. Marianne Weil begegnet Tieren und Zoo-Direktoren, Chruschtschow und Kennedy, durchforstet das Radio-Archiv und rekonstruiert historische Reportagen, die nie hätten gelöscht werden dürfen.

 

Lob des Gartens

Feature, Rundfunk Berlin Brandenburg 2011

 

So wie Dagobert Duck ins Geld springt und glücklich ist, so gehe ich in den Garten. Zwischen Hecken, Blumen, Bäumen gehen die Gedanken spazieren. Hier lasse ich die Seele neu justieren. Andere meditieren, das ist mir zu langweilig. Oder fahren auf eine Wellness-Oase, das ist mir zu teuer. Ich schaufele lieber Kompost. Das ist elementar, das ist eine komplett analoge Welt. Mein Garten ist ein sentimentaler und realer Ort. Hier schießt die Phantasie ins Kraut und gleichzeitig wird der Kopf geerdet. Denn hier tickt alles ganz anders. Meistens langsamer. Tayfun, der Percussionist, begleitet durch die Jahreszeiten mit Trommeln, Pfeifen, Ratschen und Tröten.

 

Transitraum – Übergang

Hörspiel, DKultur/RB/SR 2012

 

Nach dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland ein einziger Transitraum. Im Westen ändert sich scheinbar nichts. Im Osten bricht scheinbar alles zusammen. Das Radio berichtet kontinuierlich: Erich Honecker flieht nach Moskau, Schalck-Golodkowski lebt am Tegernsee, Detlev Rohwedder wird ermordet. Erregte Debatten im Bundestag, Giftstoffe in der Elbe, Stasiakten, Gewalt gegen Ausländer in Hoyerswerda. Und während die Ölquellen in Kuweit brennen, rufen die Menschen plötzlich nicht mehr »Helmut Helmut« sondern »Lügner Lügner«. Das Stück ist eine Recherche in unserem Gedächtnis, eine Montage aus Archiv-Material mit Wetter, Musik und Nachrichten.

 

Grandhotel für Alle!

Flüchtlinge, Künstler und Hotelgäste unter einem Dach

Feature, DKultur 2014

 

So etwas gab es noch nie. Im Augsburger Grandhotel Cosmopolis gilt das Motto: Wir sind alle Reisende auf dieser Erde, jeder ist willkommen, ganz gleich woher er kommt. Eine basisdemokratisch organisierte, ziemlich bunte Gruppe hat diese Utopie in die Welt gesetzt. Nicht in einer Inszenierung auf dem Theater, sondern in einem realen Experiment: Im Augsburger Springergässchen treffen sich Asylbewerber und Hotelgäste auf den Fluren und an der Bar, als wären alle frei und gleich. Die Autorin hat sich mehrfach im Grandhotel einquartiert, erst auf der Baustelle, dann in einem realen Hotelzimmer.

Ausgezeichnet mit dem Robert Geisendörfer Preis 2015.